Farbwahrnehmung

Farbe ist ein spannendes Wissensfeld. Noch in Homers Odysse, also einem Text der im Altgriechischen verfasst wurde, gab es kein Wort für blau.[1] Aber Moment, lasst uns etwas anders anfangen. Guy Deutsch ist ein Sprachforscher, der einen wundervollen Einblick in den wissenschaftlichen Stand der Sprachentwicklung gibt – und ob Sprachen zu unterschiedlichen Prägungen im Gehirn führen.[2]

Ein besonders spannendes Beispiel sind die Farben. Farbwörter, die bei uns zum Alltag gehören, taten dies nicht zu jeder Zeit und nicht zu jeder Kultur.

Die wahrscheinlichste Entwicklung der Farbwahrnehmung bzw. Farbbeschreibung in Sprachen verläuft wie folgt:

  1. hell/dunkel, oder auch schwarz/weiß,
  2. + rot,
  3. + grün oder gelb/orange,
  4. + grün oder gelb/orange
  5. + blau.

Alle Farben, die danach kommen sind eher unterschiedlich in den Sprachen aufgetaucht. Damals fehlten uns anscheinend einfach die Worte. Indigene Sprachen bestätigten dieses Farbmuster und es ist immer wieder erstaunlich zu sehen: Etwas, was für den Einzelnen selbstverständlich erscheint, ist doch gar nicht so selbstverständlich. Farbe ist relativ und wird von unserem Gehirn interpretiert. Das beste Beispiel? Blau. Ein Blau kann in einer Sprache im Lexikon zum Beispiel fehlen blau, denn es beschreibt nicht genug. Dafür gibt zwei getrennte Wörte, hellblau und dunkelblau.

Wo wir uns anfangs noch gewundert haben, dass es überhaupt kein Wort für blau gibt um den Himmel zu beschreiben, verstehen andere Kulturkreise gar nicht wie wir diese Farbnuancen mit nur einem Wort beschreiben können. Sprache fasziniert, denn sie prägt unsere Wahrnehmung in gewissem Maße. Insbesondere werden wir beeinflusst, wenn wir gestresst sind, unser System 2 [Kahnemann] überfordert ist, es leichte Lösungswege gibt oder weil wir kulturell nicht genug für die Wahrnehmung einzelner Sachverhaltet geprägt worden sind.

Farben beschreiben

Was bedeutet dies nun aber für uns? Der westliche Kulturkreis hat einen sehr differenzierten Wortschatz. Einen Wortschatz, der nicht nur einzelne Lexeme für Farben hat, sondern auch sehr viele Komposita, also Wortzusammensetzungen, für einzelne Farben. Wir können heute Farben sehr gut beschreiben und im Umkehrschluss ist unsere Farbwahrnehmung in den letzten Jahrhunderten durch kulturelle Prägung, Austausch und den Bedarf an mehr Farbwörtern, oder auch einfach nur dem Luxus der Pigmentierung in der Kunst, verbessert worden. Statistisch gesehen sind gerade einmal 10% der Männer und 0,5% der Frauen in Westeuropa davon betroffen. Theoretisch nehmen wir also Farben so gewahr, wie es alle anderen tun – und irgendwie auch wieder nicht. Je größer Dein eigener Farbwortschatz wird, Du Dich selbst mit Farben beschäftigst umso besser verstehst Du sie auch. So zumindest meine Hypothese.

[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/warum-homer-die-farbe-des-himmels-nicht-nannte.1270.de.html?dram:article_id=191480
[2] Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache: warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht

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